Dorothea Schrimpe von UMIWI

Im Rahmen unserer Reihe "Spotlight" stellen wir euch immer eine unserer DesignerInnen vor. Heute geht es zum Beispiel um die Frage: Wie kann Schmuck zur Zukunftsperspektive in ärmeren Ländern werden? Wir haben mit Dorothea Schrimpe, der Gründerin von UMIWI, über Fair Trade, nachhaltigen Konsum und Hilfsprojekte in Thailand, Mexiko & Co. gesprochen.

FACTS

Was hat dir den Anstoß gegeben, UMIWI zu gründen und wie hat alles angefangen?

Ich hatte eine sehr besondere Kindheit – mein Vater war Seefahrer und hat mich von Kleinauf mit in die ganze Welt genommen. So habe ich Orte, Menschen und Zustände gesehen, die Touristen nie zu Gesicht bekommen. Mich hat die Spendenabhängigkeit von Regionen wie Thailand, Indien und Mexiko frustriert. Selbst Hilfsprojekte mit westlichen Ländern laufen nur selten auf Augenhöhe ab. Der Westen sagt, wie es laufen muss und die Einwohner folgen. Das hat eher etwas von Kolonialisierung als von Entwicklungshilfe – die Abhängigkeit der Bevölkerung bleibt bestehen.

Das wollte ich ändern: Als wirklich gleichgestellten Handelspartner für diese Länder – nicht als gemeinnütziges westliches Unternehmen – habe ich UMIWI gegründet.

Was hast du gemacht, bevor du UMIWI gegründet hast?

Ich habe internationales Management studiert und wusste damals schon, dass ich in den sozialen Bereich statt in die freie Wirtschaft möchte. Nachdem ich dann 2007 ein Jahr in Thailand verbracht hatte, habe ich ab 2008 in der Unternehmensberatung gearbeitet. Ich habe Business-Pläne für Start Ups geschrieben und merkte irgendwann: Da muss ich selbst aktiv werden. 2010 ging es dann von der Theorie in die Praxis und ich habe UMIWI gegründet.

Hattest du schon vorher eine Leidenschaft für Mode? War also klar, dass UMIWI sich um Schmuck drehen sollte?

Nicht direkt. Es war auf jeden Fall klar, dass es ein Produkt sein sollte, das auch im Westen ästhetisch funktioniert. Die Menschen sollten es nicht ausschließlich vor dem Hintergrund der Hilfsprojekte kaufen, sondern auch, weil sie es einfach schön finden! Schmuck hat eine hohe Wertigkeit und natürlich Haltbarkeit - so kann die Message hinter dem Schmuckstück lange weitergetragen werden.

Erzähl uns vom Design und der Herstellung – mit welchen Menschen arbeitet UMIWI zusammen?

Fertigung von Mangoholz-Armreifen in Thailand

Gemeinsam mit Menschen vor Ort und auch Ureinwohnern haben wir Produkte wie den Mangoholz-Schmuck aus Thailand oder den Silberschmuck aus Mexiko geschaffen. Dabei nutzen wir nur Materialien, die bereits in großer Menge vor Ort sind - wie das Mangoholz oder recycletes Silber.

Kannst du ein wenig über das Projekt in Thailand erzählen?

Ja, klar! Dazu braucht man ein wenig Hintergrund: Menschen mit Behinderung haben in Thailand kaum Unterstützung - denn ein kranker Körper deutet im thailändischen Glauben an die Reinkarnation auf ein Vergehen im letzten Leben hin. Das Hilfsprojekt "Skill Center Chiang Mai" ist mit Pferdetherapie und Ausbildungsmöglichkeiten ein Anlaufpunkt für Menschen mit Behinderung. Die Herstellung der Mangoholz-Armreife ist eine wichtige Geldquelle für das Skill Center.

Und in Mexiko?

In Mexiko arbeite ich zusammen mit der "Fundación Renacimiento". Jugendliche aus problematischen Verhältnissen und junge Mütter leben dort in Sicherheit und lernen zum Beispiel das Fertigen von zartem Sterlingsilberschmuck aus recycletem Silber. Als Verdienstmöglichkeit und handwerkliche Zukunftsperspektive hilft die Designerin Cynthia Lopez damit den Jugendlichen, auf eigenen Beinen zu stehen. Wir wollten ein zeitloses, stilvolles Design und haben das mit den geometrischen, gehämmerten Formen der Schmuckstücke geschafft.

Was waren deine drei schönsten Momente mit UMIWI?

1. Besonders bedeutungsvoll war für mich der Moment, in dem die Menschen vom Hilfsprojekt in Thailand mich nicht mehr nur "farang", also Ausländerin, sondern einfach "Doro" genannt haben. Sich als Mensch aus dem Westen Vertrauen zu verdienen und als Mitglied der Gemeinschaft angesehen zu werden, ist nicht einfach. Und dieses Vertrauen ist auch die Basis für die Kooperation: Teilweise arbeiten wir seit mehr als 7 Jahren mit Menschen aus anderen Ländern zusammenarbeiten – ganz ohne Verträge. Vertrauen, dass wir einander fair behandeln und Verständnis – auch wenn es mal Engpässe bei der Herstellung gibt – sind grundlegend. Ich führe mir immer wieder vor Augen, wie schön es ist, dass das möglich ist!

2. Es wirkt vielleicht wie eine Kleinigkeit, aber ich finde es toll, dass man unseren Schmuck auch in "konventionellen" Läden findet und nicht ausschließlich in Randgruppen und Concept Stores, die ohnehin an sozialen Projekten interessiert sind. Es macht mich glücklich, dass unser Schmuck durch seine Qualität und Schönheit überzeugt.

3. Mittlerweile finanziert sich die Pferde-Therapie in Thailand, über die ich eben erzählt habe, komplett selbst – und zwar mit dem Verkauf der Mangoholz-Armreife. Darauf sind wir alle stolz!

Du hast eben von Engpässen in der Herstellung gesprochen. Wodurch entstehen Planungsschwierigkeiten und wie gehst du damit um?

Oh, es gibt so viele Gründe: Zum Beispiel bei der Produktion der Farbe zum Färben von Schafwolle. Wenn eine besondere Blüte dafür benötigt wird und diese nicht rechtzeitig geerntet werden kann, gibt es eine bestimmte Farbe eben ein Jahr lang nicht - solange, bis die Blume wieder blüht.

Oder: Als 2016 der König in Thailand starb, stand dort wochenlang alles still. Während der Trauerphase wurde überhaupt nicht gearbeitet und auch DHL und andere Paketdienste waren praktisch lahmgelegt. So entstehen zum Beispiel auf Liefer-Engpässe.

Nach und nach lernt man, mit solchen überraschenden Ereignissen umzugehen - man kann einfach nicht alles planen und mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Naja, fast. ;)

KREATIVITÄT

Wo siehst du die Verbindung zwischen Hilfsprojekten und deiner eigenen Kreativität? Was gibt dir gerade kreative Impulse?

Ich arbeite am liebsten da, wo ein Bedarf oder ein dringendes Problem ist - dann überlege ich mir, was ich dafür tun kann. Momentan habe ich zwei große Themen, die mich beschäftigen: Plastik und Trinkwasser. Natürlich ist es nicht einfach, die Verschmutzung der Meere durch Plastikverpackungen zu reduzieren und auch den Mangel von sauberem Trinkwasser in vielen Regionen auszugleichen. Aber ich möchte dennoch so viel dafür tun wie möglich – dazu habe ich die Water Campaign gestartet, in der es darum geht, über diese Probleme aufzuklären.

Manchmal sagt man, "Dankbarkeit ist der schönste Lohn" – siehst du das auch so? Was gibt dir die Motivation, weiterzumachen?

Ich erwarte keine große Dankbarkeit – das Wichtigste ist doch, dass alle Beteiligten von der Schmuckherstellung und dem Verkauf leben können. Natürlich erfüllen mich die schönen Momente, von denen ich erzählt habe. Aber ich bin allen Menschen, die an der Herstellung der Schmuckstücke beteiligt sind, genauso dankbar wie sie mir. Ohne uns alle würde es UMIWI vielleicht nicht geben – also schulden mir die Menschen keine Dankbarkeit. Im Gegenteil: Ich bin dankbar für die Fairness und die Offenheit, die mir entgegengebracht werden und die das alles überhaupt ermöglichen.

Noch eine kleine Bonusfrage: An welchen Stars würdest du gern mal UMIWI Schmuck sehen?

Nina Hagen und Udo Lindenberg, ganz klar!

NACHHALTIGKEIT

Wie kontrollierst du selbst die Produktionsbedingungen deines Schmucks?

Ich besuche jedes Jahr eins der Projekte. Der Kontakt mit den Koordinatorinnen vor Ort ist aber ohnehin sehr eng. So kann ich mir immer sicher sein, dass die Produktionsbedingungen gut sind und auch Sicherheits-Standards eingehalten werden. Und ich weiß, dass niemand in die Projekte und die Herstellung involviert ist, der Ausbeutung in irgendeiner Weise zulassen würde.

Zitat von Dorothea Schrimpe

Was macht Schmuck für dich "nachhaltig" oder "fair trade"?

Das Thema hat viele Facetten, finde ich: Meine Ziele sind Nachhaltigkeit im ökologischen, sozialen und ökonomischen Sinne. Ökologisch möchte ich mit UMIWI Nachhaltigkeit gewährleisten, indem wir möglichst nur lokale oder recyclete Materialien für den Schmuck zu verwenden. Aus ökonomischer Sicht muss natürlich die Bezahlung der Arbeiter angemessen sein - da kommt wieder das Thema fairer Handel auf Augenhöhe in Spiel. Und aus sozialer Sicht finanzieren sich mit den Schmuckstücken nicht nur Hilfsprojekte, sondern die Menschen haben die Möglichkeit, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und neue Fähigkeiten für die Zukunft zu lernen. So hat jeder eine Grundlage, um seinen eigenen Weg zu gehen und wird freier in seinen Handlungen - das ist der soziale Kern von UMIWI.

Nachhaltiges Shoppen & Leben ist für viele Menschen ein unerreichbar scheinendes Ziel - was ist dein Tipp für konsequente Nachhaltigkeit?

Viele Leute denken, es kostet viel Nerven, Zeit und Geld, auf die Umwelt zu achten. Dabei kann schon etwas Kleines wie eine Stofftasche für den Obst-Einkauf oder ein Bambus-Strohhalm statt eines Plastik-Strohhalms helfen. Ich finde, jeder muss sich ehrlich fragen: "Was kann ich für die Umwelt tun, ohne dass es mir wehtut?" - auf diese Frage gibt es mehr Antworten, als man denkt. So kann man erst einmal mit kleinen Schritten anfangen.

Meistens gibt es irgendeinen Auslöser für einen Lebenswandel – egal, ob man vegan wird, nur noch Fair Trade Klamotten kaufen will oder Aktivist für Umweltschutz ist. Wie kann man sich dafür motivieren?

Natürlich wäre es schön, wenn man die positiven Dinge einfach der Umwelt oder den anderen Menschen zuliebe tun könnte - aber ich finde, der beste Weg ist, eine persönliche Verbindung zu den Problemen zu finden. Dann hat man eine viel größere Motivation, den Lebenswandel "durchzuziehen".

Deshalb hilft manchmal einfach Selbst-Reflektion: Wie betreffen mich die Probleme in der Welt und wie kann ich sie lindern? Was passiert, wenn alle Bienen sterben? Was passiert, wenn der Ozean mit Plastik gefüllt ist? Oberflächlich betrachtet betrifft uns so wenig, aber sobald man sich mehr informiert, kann man die Verbindung zu sich selbst direkt ziehen. Wenn man die Verbindung gefunden hat, geht es an die Umsetzung - hier kann man, wie gesagt, klein anfangen: Zum Beispiel mit Verzicht auf einen bestimmten Luxus oder indem man im Alltag bewusster handelt.

Manchmal sind die Probleme auf der Welt einfach überwältigend. Was kann man gegen dieses Gefühl der Machtlosigkeit tun?

Natürlich kann man nicht jedes Problem auf der Welt immer im Bewusstsein haben - aber sich ein paar Themen herauszugreifen, sich zu informieren und dann entsprechend zu handeln, bringt uns als Gesellschaft schon viel weiter. Da sind wir wieder beim Thema der "kleinen Schritte", die für jeden anders aussehen können.

Und noch ein Tipp über die konkreten Probleme der Welt hinaus: Es hilft, das eigene Handeln an allgemeinen Prinzipien zu orientieren. So bleibt man auch auf dem richtigen Kurs. Zum Beispiel könnte man sich ins Gedächtnis rufen: Ich möchte anderen nichts antun, was ich selbst nicht erleben wollen würde.

Wenn du mehr von UMIWI sehen möchtest, kannst du einfach bei uns stöbern. An jedem Produkt steht ein wenig über das Projekt, das damit unterstützt wird, sodass du alle Hintergründe kennst!