Audi Kollektion von Anouk Wipprecht mit Dreieckselementen und Leuchteffekt


[Tech & Fashion] Kleider machen Autos – leuchtende Outfits, ein neuer Audi A4 und Anouk Wipprecht beeindrucken auf der Berlin Fashion Week 2015



Mensch und Maschine verschmelzen, wenn Modedesigner und Autodesigner sich zusammentun: Im Rahmen der Berlin Fashion Week und der #FASHIONTECH BERLIN hat die niederländische Designerin Anouk Wipprecht für Audi im Sommer 2015 eine futuristische Haute-Couture-Kollektion entworfen. Präsentiert wurde das Ganze gestern in der Audi City Berlin – zusammen mit der neuesten Inkarnation des Audi A4. meLovely war dabei und präsentiert eine Laufsteg-Story zum Eintauchen!


Wie stellen wir uns die Zukunft vor? Holografische Displays statt physischen Bildschirmen? Oder Laserpistolen, die ohne metallene Munition auskommen? Cyborgs, die halb Mensch, halb Maschine sind – und vielleicht sogar Roboter und Androiden mit annähernd menschlicher Intelligenz? Wir haben alle ein paar eigene verrückte Ideen, aber die meisten dieser Assoziationen kommen von Außen: Filme, Literatur, Fernsehserien – Science Fiction und ihre Zukunftsvisionen prägen unser Bild von dem, was kommt.

Aber was fehlt in vielen diesen Visionen? Mode. Fashion. Textile Ästhetik. Die muss sich selbst in einem so visuellen Medium wie dem Film meist hinten anstellen, wenn eine spannende Sci-Fi Story erzählt werden soll.

Mitten in der Fashion Week bekommen wir nun eine ziemlich deutliche Haute Couture Version der Zukunft vorgeführt, denn Audi hat sich mit der niederländischen Modedesignerin Anouk Wipprecht für die Präsentation des Audi A4 zusammengetan. Das Ergebnis: Eine Laufstegshow, in der Models mit Autos verschmelzen und in ihrer Ästhetik eine futuristisch leuchtende Mischung aus der Ästhetik von Transformers und Mad Max: Fury Road abgeben.

Doch langsam – vor der Laufsteg-Show im Audi City Berlin am Kürfürstendamm ist noch viel mehr passiert. Viele sehr gut angezogene Leute tummeln sich am Abend in der Audi City Berlin. Nach einem mit Messen und Veranstaltungen gefüllten Tag mischt sich meLovely unter die Menschen.

Im Halbdunkel erkennt man die bunte Bar, der DJ verschwindet in dunkler Aufmachung vor der schwarzen Wand und direkt gegenüber vom Eingang verläuft über die volle Länge der Wand eine schmale Bühne, die sich später als Laufsteg entpuppt und jetzt noch leer ist – aber dennoch: „Nur für Personal, bitte bleiben Sie auf dem Boden“. Statt die leere Überholspur zu benutzen, muss man sich nun also durch die Menge drängeln. Nachdem jeder Gast mit einem „Virtual Reality“ ausgestattet ist, kann es schließlich losgehen! Nein, keine 3D-Brille, auch kein Oculus Rift – einfach nur ein Cocktail auf Rum-Basis mit hippem Namen.

Annouk Wipprecht korrigiert das Kleid eines Models

Und dann wird es dunkel. Finsternis und Stille umgibt die Menschenmenge, aus der hin und wieder ein kleines Pfeifen von aufgeregten Auto-Enthusiasten zu hören ist. Es bleibt so lange dunkel, bis der riesenhafte Screen, der sich – genau wie der Laufsteg – über die volle Länge der Wand zieht, zum Leben erwacht. Eine Vision erwartet uns: Anouk Wipprecht, ganz in ihre Arbeit vertieft, und Bildmaterial vom neuen Audi A4 schimmern uns in Nahaufnahme entgegen.

Dazu, ganz puristisch und mit entzückend niederländischem Akzent, erzählt uns die Designerin ihre Vision: „The notion of virtual reality nowadays is embedded too much into the computer, into the screen. [The Audi A4 is] something that makes sense, something that really creates a connection between yourself and a vehicle, something that is much more tactile, much more around you”. Statt integrierter technischer Funktionen und Screens, wendet sie sich auch in ihrer Kollektion vor allem der ästhetischen Seite der Technologie zu, um einen innovativen Nutzen für die Modewelt herauszuschlagen. Ein interessanter Gedanke: Keine Anbindung ans „internet of things“, das uns durch unsere Kleider und Accessoires miteinander verbindet, sondern reine Technik, die nur uns und das Kleid betrifft. Kein Skype-Call, der mit einer Berührung des Ärmels angenommen wird und kein Notrufsignal, das ein Druck auf die Westentasche auslöst. Die einzige Kommunikation des Kleides nach Außen ist ein starkes Fashion-Statement.

In Worte gefasst ist die Vision – Anouk Wipprechts Stimme verschwindet und es folgen Taten auf Worte. Zarte Musik beginnt zu spielen. Auf dem Screen erscheinen nun blau-weiß changierende Formelemente – Dreiecke, Linien, Würfel fliegen und taumeln wie zersplitterte Teile einer technologischen und zugleich magischen Zukunftswelt an uns vorbei. Und dann legt der Bass los. Und wie! Die Elemente werden plötzlich rot, setzen sich zu einem Auto zusammen, explodieren wieder und wieder in ästhetisch abstrakte Formen und dann – endlich – treten die ersten Models auf den Laufsteg.

Von beiden Seiten des Raumes laufen sie aufeinander zu und stehen schließlich breitbeinig wie Cowboys mit Händen in den Hüften vor uns. Selbstbewusste Kriegerinnen aus der Zukunft, deren Kleider auf den ersten Blick aus glänzendem Plastik gefertigt sein müssen und nicht nur an den Kühlergrill eines Autos erinnern, sondern noch mehr können: Leuchten. Mal blitzen uns die unsichtbaren Lampen im Kleid wie Scheinwerfer an, mal lassen sie das Licht behände durch die plastischen, dreieckigen Formen des Kleides fließen.

Wir haben ein Flashback zu heute Morgen – ein Interview mit Alicia Kühl im Tagesspiegel: „Aber die Zeiten, in denen genuin neue Mode gezeigt wurde, sind lange vorbei“ – man müsse besondere Modenschauen um die Kleider herum inszenieren, um noch als neu oder kreativ aufzufallen. Ein harter Schlag für die Modedesigner. Und das mitten in der Fashion Week. Aber stimmt das überhaupt?

Anouk Wipprechts Kollektion beweist, dass es noch jede Menge Raum für Neuerungen in der Modeszene gibt – und dass diese Neuerungen nicht nur auf dem Laufsteg liegen. Die Zukunft des Modedesigns liegt vielmehr in der Kollaboration: Wie in so vielen Bereichen, die mittlerweile Jahrtausende auf dem Buckel haben, ist der interdisziplinäre Austausch zwischen Designern aus komplett unterschiedlichen Bereichen der Schlüssel. Der Schlüssel zu frischem Wind, der hoffentlich auch bald auf die Straßen wehen wird, statt in einem finsteren Raum als Haute Couture präsentiert zu werden. Technik und Mode sind eine Chance für Alltagsmode, wieder innovativ zu werden, wirklich fortschrittlich zu sein. Egal, ob offline oder online.

Ohne Frage – es werden noch einige Autos designt werden, bis solche Mode die Straßen unsicher macht. Aber wenn es denn passiert, dann sind wir zwischen all unserer fortschrittlichen Technik, unseren Second Screens und Big Data schließlich auch in der Zukunft des Modedesigns angekommen.


In der Reihe „Fashion & Tech“ schreiben wir über Wearables, von moderner Technik inspirierte Schmuckstücke und über die zahlreichen Berührungspunkte zwischen Technologie und Mode – unser ganz eigener Blick auf die schöne neue Welt von Schmuck und Accessoires! Besonders beschäftigen uns zwei Fragen: Gibt es noch Neuerungen in der Modewelt oder sind heute alle modischen Entwürfe nur noch Zitate von Zitaten, die schon vor tausenden Jahren in Stein – oder vielleicht vielmehr in Gold – gemeißelt wurden? Und wer arbeitet hier eigentlich für wen – die Technik für die Mode oder die Mode für die Technik? Stay tuned!


Models mit Kleidern von Anouk Wipprecht vor dem neuen Audi A4