Modeschmuck früher & heute - Billigware oder Designerstück?


Ein Ring – ein Euro. Ist euch in einem Modeschmuckladen auch schon mal das Gesicht entgleist? Aus lauter Entzückung über die Preise – oder aus lauter Erschütterung über die Preise? Jenseits der Juweliere sind wir Summen gewöhnt, die eigentlich weder für Qualität noch für gute Herstellungsbedingungen stehen können, aber so sicher sind wir uns da oft nicht – und wir reden auch eigentlich nicht gern darüber. Und, zugegeben, der Konsumversuchung zu widerstehen, wenn ein Armreif nicht mehr als eine Kugel Schokoeis kostet, ist auch nicht immer leicht!


Modeschmuck vs. Echtschmuck - eine Armparty mit RIO und Sence Copenhagen!


Während unser Portemonnaie also vor sich hin jubelt, haben wir uns mal ganz nüchtern gefragt: Ist Modeschmuck gleich Modeschmuck? Ist er also immer billig, im wahrsten Sinne des Wortes, immer qualitativ im Keller und sowieso nie langlebig? Wenn man mit "Echtschmuck" Schmuck bezeichnet, der zum größten Teil aus Edelmetallen hergestellt ist – zum Beispiel aus Gold, Silber oder Platin –, dann ist Modeschmuck aus unedlen Metallen wie Schmuckmessing, Porzellan oder Edelstahl gefertigt – egal ob mit oder ohne Vergoldung. Messing bleibt Messing! Aber ist es wirklich richtig, Modeschmuck als „unecht“ zu bezeichnen und Echtschmuck als „echt“?

Um diese Fragen zu beantworten, gehen wir erst einmal ein wenig in der Zeit zurück – und finden noch viel mehr offene Fragen: War das, was wir heute unter Modeschmuck verstehen, eigentlich immer so billig? Wie viele Taler musste man früher entbehren, um eine Kette aus vergoldetem Messing oder Bronze zu ergattern?

Die Ursprünge des Modeschmucks liegen natürlich Jahrtausende zurück – in Ägypten verkaufte man schon vor über 4.000 Jahren Messingschmuck, der poliert wurde, um wie Gold auszusehen. Zugegeben, damals hatte das vor allem etwas mit Betrügerei zu tun und weniger damit, dass man Schmuck bezahlbarer machen wollte. Ohne Google und Nachschlagewerke funktionierte das auch prima – Messing als Gold zu verkaufen, war damals ziemlich profitabel!

Coco Chanel mit typischer Perlenkette - ihr Zitat über Modeschmuck.

Viele Jahrhunderte später wurde der Modeschmuck zwar preiswerter, blieb aber noch immer mit handwerklichem Können verknüpft: Wer kein Schmied war, hatte auch im Mittelalter keine großen Chancen, schönen Schmuck herzustellen. Dementsprechend war Schmuck aus Messing oder gar Bronze keineswegs billig – natürlich waren die Preise noch weit entfernt von Luxusgütern wie Gold- oder Silberschmuck, aber ein schönes Schmuckstück aus Messing oder Eisen hatte unter ländlichen und mittelständischen Familien immer noch den Status eines wohlgehüteten Familienschatzes. Von Massenware kann also noch keine Rede sein.

So richtig zugelegt hat die Schmuckindustrie zur Zeit der Industrialisierung. Goldschmiede verloren an Wichtigkeit, als mit immer besseren Methoden Schmuck mithilfe von Maschinen einfach gegossen, ausgestanzt und geformt werden konnte. Ganz so schnell ging der Preissturz allerdings nicht vonstatten, wie man an den Preisen von Modeschmuck und Echtschmuck aus einem Katalog* um 1900 sehen kann:

Ein Opalring etwa kostete 6,76 $, während eine goldplattierte Kinderkette für 2 $ zu kriegen ist. Nun könnte man sich denken: Ist gebongt! Kein Problem, alles so billig wie heute. Wenn da bloß die Inflation nicht wäre. Der Jahresverdienst eines durchschnittlichen Arbeiters im Jahre 1914 lag um die 483 $.** Mehr als mager! Die eben noch wunderbar billig wirkenden Kinderketten würden unsere heutigen Konten mit etwa 60 $ belasten – und der Opalring ist mit seinen fast 180 $ auch kein Schnäppchen mehr.*** Zum Vergleich ein Stück aus Edelmetall: Eine filigrane Lilienbrosche aus Echtgold könnten wir uns für heutige 125 $ leisten – für echtes Gold gar nicht mal so teuer. Nur schade, dass der nette Herausgeber des Katalogs vergessen hat, den tatsächlichen Goldgehalt der Brosche festzuhalten. Sicherlich ein Versehen!

Katalogseite aus einem Schmuckkatalog um 1900

Aber nun kommen wir endlich zum heutigen Modeschmuck, der nicht unwesentlich von der Queen of Fashion Jewelry geprägt wurde: Coco Chanel. Als die Modeikone erkannte, dass Schmuck nicht nur ein Aushängeschild der Reichen ist, sondern Frauen vor allem zieren und verschönern soll, folgten alle der grazilen Coco in eine neue Ära der erschwinglichen Ästhetik. Die Verlagerung der Schmuckherstellung nach Asien, der billige Abbau von Silber und anderen Metallen und die Kaufkraft der Konsumenten ließen die Preise für Modeschmuck in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich in verdammt tiefe Tiefen fallen.

Heute hat sich allerdings wiederum etwas verändert: Viele Designer – seien es Goldschmiede, Produktdesigner oder einfach nur schmuckverliebte Menschen mit handwerklicher Begabung – haben sich Messing, Bronze und Kupfer zugewandt. Statt in einer Fabrik Armreife für drei Euro herzustellen, die dank ihrer billigen Produktion Ausstanzfehler, Flecken und Materialmängel haben, wird Modeschmuck immer öfter von Hand gefertigt.

Langsam entsteht also eine Art Mischform aus Echtschmuck und Modeschmuck: In kleinen Manufakturen und Ateliers wird zum Beispiel "gold filled" Schmuck hergestellt, der zwar einen Messingkern hat und somit als Modeschmuck gilt - aber die Goldschicht ist so massiv, dass sie Jahrzehnte halten kann, bis das Geheimnis des Schmuckstückes enthüllt wird. So sind die definierenden Merkmale von Echtschmuck, der oft mit Designerschmuck gleichgesetzt wird, langsam auf den Modeschmuck übergegangen: hohe Qualität, Fertigung von Hand mit großem kunsthandwerklichen Geschick und besondere Designs, die hin und wieder eigenwillig, aber vor allem immer individuell sind. Das alles trifft auf Modeschmuck zu, der von leidenschaftlichen DesignerInnen erdacht und produziert wird.

Besonders ein Aspekt der Materialienwahl wird oft vernachlässigt: Edelstahl, Messing, Porzellan und Co. bieten ganz andere kreative Möglichkeiten als die klassischen Edelmetalle Gold und Silber. Schmelzpunkt, Formbarkeit und Stabilität variieren von Material zu Material und bringen neue Inspiration: Zum Beispiel sind die fein gemusterte, krakelierte Oberfläche von Porzellan oder der raue, coole Stil von Edelstahl völlig neue Chancen und Designoptionen für die Welt der Schmuckherstellung. Mit etwas Offenheit für neue Wege und Kreativität entstehen dabei Designs, die leckerer als jedes Schokoeis sind – zumindest fürs Auge! Modeschmuck immer als "unecht" zu bezeichnen wäre also mehr als unfair – viele Designerstücke haben ihren eigenen Stil und ihren eigenen Reiz, der sich gerade aus dem kunstvollen Umgang mit unedlen Metallen und Materialien speist.

Diese neue Welle von schmuckverliebten ModeschmuckdesignerInnen ist ein wichtiger Schritt weg vom billigen Schmuck aus Asien und den unfairen Bedingungen, unter denen er hergestellt wird. Die vielfältigen Geschichten hinter allen Designerinnen und Designern, ihre ästhetischen Vorstellungen, Materialien und Kreationen, finden langsam ihren Weg in die Welt und wollen unterstützt werden. Und Modeschmuck von talentierten DesignerInnen ist immer etwas Besonderes – die Designs sind echte Lieblingsstücke, schöne Geschenke und stylische Statements, bei denen man sich sicher sein kann, dass sie mit Liebe und Herzblut gefertigt werden.

Wenn du dich für DesignerInnen interessierst, die Modeschmuck oder Echtschmuck herstellen, dann kannst du dich auf unserer Designerübersicht umschauen und die Philosophie der SchmuckdesignerInnen entdecken.

Vom kleinen Berliner Label Pictofactum, dessen Schmuckstücke mit optischen Illusionen arbeiten, bis hin zu filigranen Modeschmuckdesigns von Anoa und klassisch ausgebildeten Goldschmieden aus Pforzheim, die mit Edelmetallen arbeiten wie etwa Schmuck&Liebe.

Direkt zu den stylischen Kreationen geht es hier: ModeschmuckEchtschmuck.

Wir hören immer gern von euch! Wie denkt ihr über Modeschmuck und Echtschmuck? Wie definiert ihr die beiden Kategorien für euch persönlich - und seid ihr überzeugter Anhänger einer der beiden Lager? Wir sind immer offen für eure Anregungen - setzt euch zum Beispiel bei Twitter über @melovely_de oder bei Facebook mit uns in Verbindung. ♥

Modeschmuck der kreativ ist: Diamantenform von Anoa

* Alle Seiten des alten Kataloges von 1900: http://www.illusionjewels.com/1900Gattercatalog.html

** Mehr Infos zum Gehalt um 1914: http://www.econlib.org/library/Enc1/WagesandWorkingConditions.html

*** Zum Dollar-Umrechner geht es hier: http://www.davemanuel.com/inflation-calculator.php